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Gefährliche Meinungsunterschiede

Verhandlungen zwischen Kunde und Bank werden offenbar zunehmend schwieriger. Vor allem verursacht durch die Finanzkrise. Ein Beispiel.

Die folgende Einschätzung seiner Hausbank entzog sich für Wolfgang W., einem erfolgreichen Unternehmer aus dem Rheinland, nun vollends seinem Verständnis von Berechenbarkeit und Verlässlichkeit: Hatte der dortige Kundenberater noch vor einem Jahr, während des letzten Bilanzgesprächs, den Wert seiner Betriebsimmobilie auf rund 450.000 Euro geschätzt, so war davon während der aktuellen Unterhaltung vor einigen Tagen nicht mehr die Rede. "Aus heutiger Sicht", so machte der Bankmitarbeiter deutlich, "können wir nur noch von einem Marktwert von 380.000 Euro ausgehen". Zur Begründung führte er aus, dass, bedingt durch die derzeitige Situation, ein Wiederverkaufswert auf diesem Niveau realistisch ist. Dabei ist noch nicht einmal sicher, "dass es bei einer unveränderten Marktlage im äußersten Fall einer Zwangsversteigerung überhaupt noch einen potenziellen Käufer geben würde."

Als Folge dieser Neubewertung hat sich der Gesamtumfang der Kreditsicherheiten von W. naturgemäß erheblich verringert, so dass die Bank als Kreditgeber auf "zusätzlichen Kreditsicherheiten bestehen muss". Um das bisherige Zinsniveau bei den variabel verzinsten Krediten von W. beibehalten zu können, rät der Kundenberater zur Belastung des Privathauses von W., das dieser gemeinsam mit seiner Familie bewohnt. Das Gebäude ist längst schuldenfrei und könnte somit als erstklassige Sicherheit dienen.

W. musste den Inhalt des Gesprächs erst einmal verdauen und tat das Richtige, nämlich zunächst um einige Tage Geduld zu bitten. Vor allem die aus seiner Sicht mehr als dürftige Erklärung des angeblichen Wertverfalls seiner Betriebsimmobilie macht ihm zu schaffen. Hinzu kommt, dass der Bankmitarbeiter auch auf  Nachfragen von W. nicht detailliert belegen konnte, auf Grund welcher nachvollziehbaren Maßstäbe ein derartiger Wertverlust eingetreten sein soll. Er blieb vielmehr bei seiner Aussage, die sich auf die "allgemeine Marktsituation" stützte. W. hat sich nun entschlossen, dies keinesfalls ohne Weiteres zu akzeptieren. Gemeinsam mit einem Immobilienfachmann wird er Fakten zusammentragen und kurzfristig selbst eine Wertermittlung erstellen, um dann später ein offizielles Gutachten von einem Sachverständigen anfertigen zu lassen.

Als Basis seiner eigenen Wertermittlung dienen neben den Informationen des Gutachterausschusses seiner Gemeinde für Gebäude und Grundstücke aktuelle Erfahrungswerte des Immobilienfachmannes, der im Verlauf des vergangenen Jahres verschiedene Gewerbeimmobilien verkaufen konnte. Kommt W. bei dieser Analyse zu einer annähernd gleichen Einschätzung wie seine Hausbank, wird er sich wohl oder übel mit dieser arrangieren müssen. Möglicherweise ist dann auch das später geplante offizielle Gutachten überflüssig. W. geht aber nach wie vor davon aus, dass seine Bank mit ihrer Einschätzung weit neben der Realität liegt.

Gerade weil es während der bisherigen, langjährigen Zusammenarbeit so gut wie keine ernsthaften Probleme mit dem Kreditinstitut gab, ist diese Entwicklung für W. mehr als irritierend. Immerhin erwähnte der Bankmitarbeiter mit keinem Wort, dass auch sein Arbeitgeber keineswegs unbeteiligt an der Situation an den Geld- und Kapitalmärkten ist. Immerhin, das wurde von der Geschäftsführung dieser Bank erst vor Kurzem bestätigt, hat es dort zumindest Kreditverkäufe gegeben. Ob darüber hinaus Wertberichtigungen oder sogar Abschreibungen auf den Wertpapierbestand des Kreditinstitutes erforderlich sind, ist zwar noch nicht sicher, entsprechende Gerüchte machen aber nach wie vor die Runde.

W. ist also sensibilisiert und wird diese unerfreuliche Entwicklung nutzen, die wesentlichen Punkte der Geschäftsverbindung zu seiner Bank sorgfältig zu überprüfen. Dazu gehört nach den Erfahrungen mit seiner Gewerbeimmobilie eine aktuelle Wertermittlung der übrigen seiner Bank zur Verfügung gestellten Sicherheiten. Hierzu wird er die Hilfe seines Steuerberaters in Anspruch nehmen. Darüber hinaus steht für ihn nun fest, dass er auch seinen Überziehungskredit, der vor allem auf Grund der sehr unterschiedlichen Zahlungseingänge seiner Kunden mit 80.000 Euro relativ hoch ist, zumindest teilweise in einen kurzfristigen Geldmarktkredit umschuldet. Dieser bietet ihm bei Laufzeiten von bis zu einem Jahr mit jeweiliger Verlängerungsmöglichkeit einen Festzinssatz, so dass W. zumindest während dieses Zeitraumes nicht mit Zinserhöhungen rechnen muss.

Stichwort: Vertrauenskrise

Die nach wie vor aktuelle Finanzkrise droht je nach Qualität der Geschäftsverbindung in der Kunde-Bank-Beziehung zu einer Vertrauenskrise zu werden, bei der wohl beide Partner mehr verlieren als gewinnen würden. Es ist daher sowohl den jeweiligen Hausbanken als auch den betroffenen Unternehmern dringend zu empfehlen, initiativ zu werden und kurzfristig mit den Gesprächspartnern der anderen Seite über jeden einzelnen Punkt der Verbindung zu reden und gegebenenfalls verlässliche Vereinbarungen vor allem über die individuellen Kreditbedingungen zu treffen.

Auch bei zwei Darlehen mit bisher variablen Zinssätzen wird er um eine Festzinsvereinbarung bitten. Ebenfalls zur Sprache bringen wird W., dass während der vergangenen zwölf Monate keine einzige Zinssatzsenkung auf seinem Überziehungskredit angekommen ist, obwohl die wichtigen Zentralbanken die Leitzinssätze fast regelmäßig reduziert haben. W. hat eigentlich keinen Zweifel mehr: Wenn seine Bank nicht kurzfristig zur bisherigen Verlässlichkeit zurückkehrt, wird aus der Finanzkrise zumindest zwischen W. und seiner Hausbank auch noch eine Vertrauenskrise, die keiner Seite recht sein dürfte.

aus "Creditreform – das Unternehmermagazin aus der Verlagsgruppe Handelsblatt",
Autor: Michael Vetter



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